Libellen

Es reihen sich der Allee entlang auf: Kastanienblüten. Wer alle Farbtöne gesehen hat, findet hier immer weitere, immer plus eins. Denn immer neu, so geht‘s im Mai.

Die Straßen füllen sich schnell wieder mit Lärm. Am Himmel taucht sogar ein Flugzeug auf, Tegel im Senkflug anpeilend. Die Libellen hatten eben erst den Luftraum auserkoren. Für ihr höheres Schweben.

Nun gezwungen, nah der Erde zu existieren, streifen sie Fahrräder und Straßenbahnen, abgelegte Schachteln, Grashalme.

Regenkantate

Im Weiher steht eine Wolke und Weiteres spiegelt der Weiher.

Den Wind, das Treiben, das Ziehen.

Der Wind treibt die Wolken, der Wind treibt das Wetter, das Wetter zieht Winde, und zieht auch die Wolken. Ein Tropfen löst sich aus den Wolken, entschwebt dem Ziehen, dem Wind und dem Wetter.

Fünf Tropfen nun schon aus Wind, aus Ziehen, aus Treiben. Schon auf den Weiher und schon in den Weiher.

Aus dem Wasser, dem Bassin auf dem Hügel, fließt das Wasser talwärts durch die Rinne. Die Tropfen tupfen drauf. Die Wolken öffnen sich, nun gießend, das Bassin, die Rinne gießen talwärts.

Das Wetter zieht den Sturm nun.

Der Sturm nun treibt die Wolken.

Das Gießen wird zu Güssen, bis das Bassin quillt und quillt und überquillt, und talwärts quillt und quillt und quillt die Rinne über talwärts.

In den Buchenblättern perlt es sich ein. An den Steinen klackert es ab. Eben noch verdunkelte das Wasser die Gegend. Allmählich klärt jedes Detail.

Am Ende zwei Tropfen im Weiher.

Eine Wolke im Spiegel im Stein.

Anchorage

Die Müllabfuhr riecht wie eine halbvolle Sektflasche am Morgen danach.

Das erdgasbetriebene Abfallsammelfahrzeug fährt durch die Straßen von Mitte und hinterlässt dieses Aroma mit Betonung auf den Noten „gärender Apfel“, „Plastikfass“, „Selbstbrennerei“.

Stunden später lallt jemand in der U-Bahn; am Nuckel die Flasche Bier.

Aus heiterem Himmel kommt aus dem gleichen Mund die glasklare Erkenntnis: „Alaska! Alaska ist weit weg.“

Was sieht das Meerestier?

Auch das Seepferdchen sieht nur das Wasser. Alle machen Bohei. Selbst das Seepferdchen sieht aber doch nur das Wasser. Da kann es sich noch eine Sonnenbrille aufsetzen. Wasser, sonst nichts. So beginnt es.

Im Schlaf beginnt das neue Jahr. Es ist ein neues Jahr mit soundsovielen Tagen, doch eigentlich ist es ein Sonnenaufgang und ein Sonnenuntergang und dann immer so weiter.

Auch Seepferdchen tragen Sonnenbrillen

Ach, wie ist es gut, das neue Jahr im Schlaf zu beginnen.

Angst und keine Angst (Tod II)

Das ist das Schwindelerregende am Tod. Er kann mir nicht einmal Angst einjagen wie alles andere Unbekannte, das im Gegensatz zum Tod einen Namen hat und dazu vertrauenswürdige Referenzen. Ich war zum Beispiel noch nie dort, wo es Giftschlangen gibt. Dennoch gibt es vertrauenswürdige Geschichten, Bilder, Daten. Sie sagen mir: Hältst du dich im Amazonas auf, dann hüte dich vor der und der Schlange.

Beim Tod gibt es das nicht. Kein Mensch hätte je etwas Sinnstiftendes überliefert zum Thema „Erfahrungen mit dem Tod“. Der Tod ist demnach der Sonderfall. Ich kann demnach keine Angst haben davor, da es keine Erkenntnisse gibt über den selbst erlebten Tod. Dieses Keine-Angst-haben-Können ist es wohl gerade, das meine Angst wecken kann. Ich bekomme die Bilder des Todes nicht zu fassen.

Stillleben (Blumen, Vase, Tisch, Wand, Warmwasserrohre)

Sie verschwimmen in ihrer Omnipräsenz und schnellen Abfolge. Sie ergeben keine Muster und auch keinen Sinn. Sind vom Leben her gedacht, denn was als Skelett endet, ist zuvor ein mit Leben gefütterter Leib gewesen.

Der Tod beendet mein Leben. So wie meine Geburt mein Leben beginnt. Scherzhafte, aufregende, technologische Geburtsgeschichten gibt es vom Tag, als ich zur Welt kam. Meine Familie, meine Freundinnen, meine Freunde: niemand wird mir erzählen, wie es gewesen sein mag, als ich von der Welt ging. Diese Diskrepanz ist gewaltig. Sie ist das Angsteinflößende.

Telefonzelle

Am Schendelplatz steht eine Telefonzelle. Wenn niemand hinschaut, dann telefoniert auch ab und zu jemand. Aber nur, wenn niemand hinschaut.

Schon den ganzen Herbst lang bescheint das magentafarbene Licht des Telefonzellendächleins die Blätter eines Parkbaums. Der Ahorn breitet sich in drei Metern aus in seine Krone. Von Anfang September bis Mitte November hat sich das Blätterwerk vom Sommergrün über Rot-Töne verfärbt und endete in einer wie gegerbten braunen Lederfarbe.

Jetzt sind fast alle Blätter abgefallen. Direkt über dem künstlichen Licht, dem weißen, um Quadrate ergänzten „T“, um das herum es so magentafarben leuchtet, ist das jedoch anders. Dort hängt noch ein Dutzend Blätter in diversen Größen, und bleibt. Sie halten zueinander, das Blattwerk und die Telefonzelle.