Was sieht das Meerestier?

Auch das Seepferdchen sieht nur das Wasser. Alle machen Bohei. Selbst das Seepferdchen sieht aber doch nur das Wasser. Da kann es sich noch eine Sonnenbrille aufsetzen. Wasser, sonst nichts. So beginnt es.

Im Schlaf beginnt das neue Jahr. Es ist ein neues Jahr mit soundsovielen Tagen, doch eigentlich ist es ein Sonnenaufgang und ein Sonnenuntergang und dann immer so weiter.

Auch Seepferdchen tragen Sonnenbrillen

Ach, wie ist es gut, das neue Jahr im Schlaf zu beginnen.

Angst und keine Angst (Tod II)

Das ist das Schwindelerregende am Tod. Er kann mir nicht einmal Angst einjagen wie alles andere Unbekannte, das im Gegensatz zum Tod einen Namen hat und dazu vertrauenswürdige Referenzen. Ich war zum Beispiel noch nie dort, wo es Giftschlangen gibt. Dennoch gibt es vertrauenswürdige Geschichten, Bilder, Daten. Sie sagen mir: Hältst du dich im Amazonas auf, dann hüte dich vor der und der Schlange.

Beim Tod gibt es das nicht. Kein Mensch hätte je etwas Sinnstiftendes überliefert zum Thema „Erfahrungen mit dem Tod“. Der Tod ist demnach der Sonderfall. Ich kann demnach keine Angst haben davor, da es keine Erkenntnisse gibt über den selbst erlebten Tod. Dieses Keine-Angst-haben-Können ist es wohl gerade, das meine Angst wecken kann. Ich bekomme die Bilder des Todes nicht zu fassen.

Stillleben (Blumen, Vase, Tisch, Wand, Warmwasserrohre)

Sie verschwimmen in ihrer Omnipräsenz und schnellen Abfolge. Sie ergeben keine Muster und auch keinen Sinn. Sind vom Leben her gedacht, denn was als Skelett endet, ist zuvor ein mit Leben gefütterter Leib gewesen.

Der Tod beendet mein Leben. So wie meine Geburt mein Leben beginnt. Scherzhafte, aufregende, technologische Geburtsgeschichten gibt es vom Tag, als ich zur Welt kam. Meine Familie, meine Freundinnen, meine Freunde: niemand wird mir erzählen, wie es gewesen sein mag, als ich von der Welt ging. Diese Diskrepanz ist gewaltig. Sie ist das Angsteinflößende.

Telefonzelle

Am Schendelplatz steht eine Telefonzelle. Wenn niemand hinschaut, dann telefoniert auch ab und zu jemand. Aber nur, wenn niemand hinschaut.

Schon den ganzen Herbst lang bescheint das magentafarbene Licht des Telefonzellendächleins die Blätter eines Parkbaums. Der Ahorn breitet sich in drei Metern aus in seine Krone. Von Anfang September bis Mitte November hat sich das Blätterwerk vom Sommergrün über Rot-Töne verfärbt und endete in einer wie gegerbten braunen Lederfarbe.

Jetzt sind fast alle Blätter abgefallen. Direkt über dem künstlichen Licht, dem weißen, um Quadrate ergänzten „T“, um das herum es so magentafarben leuchtet, ist das jedoch anders. Dort hängt noch ein Dutzend Blätter in diversen Größen, und bleibt. Sie halten zueinander, das Blattwerk und die Telefonzelle.

Der Tod

Bewölkter Himmel, ein Schwarm Krähen, die Sonne steht.

Was ist der Tod? Das Unvorstellbare ist der Tod. Nichts kann ich mir unter dem Tod vorstellen. Er hat keine Gestalt.

Soviele Gestalten stellt er in der gesammelten Vorstellungskraft aller Lebenswelten unserer Welt dar, er nimmt so viele, so unterschiedliche Figuren ein, dass die Bilder ins Schwimmen geraten.

Mag jedes einzelne scharf, bisweilen drastisch ausfallen, der Sensemann oder die Skelette des Dia do Muertos; die Vielzahl der Verköperungen des Todes in der menschlichen Fantasie und außerdem die regelmäßigen Wiederholungen jener in Ausstellungen, Filmen, Texten, Games verlieren diese Sinnbilder jegliche Wucht, entledigen sich ihrer Aussagekraft überhaupt.

Da beginnt das schon. Was ich mir nicht vorstellen kann, das kann in mir nicht heimisch werden.

Was ich mir nicht vorstellen kann, das kann in mir nicht heimisch werden.

Über das Unheimliche geht der Tod mit dieser Gestaltlosigkeit weit hinaus. Unheimlich kann nur sein, wofür ich selbst im Körper, im Denken, im Fühlen, etwas finde, ein Bild, einen Klang, einen Geruch, das soviel Aussagekraft hat, in mir Angst auszulösen. Ja, mir Angst einzujagen, als spannte jemand den Bogen und zielte schnurgerade auf mich. Selbst eine noch so vage Einstellung, sei es die berühmte Gardine, die hinter dem Sofa im Wind flattert, vermag mir diese Angst unterzujubeln. Der Tod jedoch: nada.

Keine Gerüche, keine Bilder, keine Klänge. Vom Tod ist nichts überliefert. Nichts, was Sinn zu stiften vermag. Verwandte Bedeutungsfelder werden von ihm beackert, aber sonst… Reisen zum „Licht am Ende des Tunnels“ aus Nahtoderfahrungen, Leichenfäulnis und deren Gestank, all die Sagen und Legenden über Untote. Mit dem Tod als Phänomen haben sie nichts zu schaffen. Die Geschichten bewirken so eine weite Verschleierung des Todes. Die Unmöglichkeit des Heimischwerdens des Todens in mir, des Ichwerdens, sie wird durch all das, was über den Tod überhaupt erzählbar ist, noch erhöht.

Der Tod lässt sich nicht erzählen. Krähen sind würdevolle Tiere, Und weiter steht die Sonne zwischen Bläue und Wolke.