Schendelplatz, 9. November 2020

Putzen ist hier auf die Knie gehen ist pflegen ist: sich mit dem Leben der Leute beschäftigen und es in guter Erinnerung behalten.

Schon über’s Wochenende rieben die hiesigen Nachbarn die Stolpersteine in der Umgebung mit einer Paste ab und bürsteten die Messing-Objekte. Die Stolpersteine erinnern vor den einstigen Wohnhäusern an die durch Nazis deportierten Juden. Vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht werden sie zum Glänzen gebracht, sodass die eingelassenen Namen und Lebensdaten gut sichtbar werden. Oft brennt daneben eine Kerze oder es liegt ein Blumenstrauß auf dem Gehweg.

In der Linienstraße, in der Almstadt- oder Max-Beer-Straße, rund um die Volksbühne: auch hier, im eng gefassten Scheunenviertel, lebten also Juden. Wenn auch das eigentliche „Jüdische Viertel“, so es denn eines gab im Berlin der Weimarer Zeit, etwas weiter westlich lag, in der Spandauer Vorstadt rund um den Hackeschen Markt.

Zurück zum Scheunenviertel, zurück zum Schendelplatz. Hier gibt es einen weniger bekannten Vorläufer zur Reichspogromnacht 1938. Am 5. November 1923 bereits fanden Juden-Verfolgungen pogromartigen Ausmaßes statt. Sie nahmen ihren Anfang vor dem Arbeitsamt in der Gormannstraße. Zu Tausenden hatten Arbeitslose angestanden, um Hilfsgelder in der Zeit der Geldentwertung nach dem 1. Weltkrieg zu erhalten. Im Laufe des Tages war das Geld ausgegangen. Rechtsextreme Redner nutzten die Situation aus. Sie wiegelten die Menschen auf: Jüdische Bankiers aus Osteuropa hätten, so die Mähr, das Geld vom Markt gekauft. Das Kalkül ging auf.

Im ganzen Viertel wurden Geschäfte verwüstet, Menschen jüdischen Aussehens zusammengeschlagen. Gezielt wurden sogar Anwohner mit jüdischen Namen aus ihren Wohnungen gezerrt.

Die Wiedererstarkung des rechten Randes auch in Deutschland zeigt, dass alle Formen von Diskriminierung gegen Minderheiten zur Sprache gebracht werden und aktiv bekämpft werden müssen. Denn ohne die Freiheit der Minderheiten bietet keine Demokratie eine freie Gesellschaft. Eine meiner beiden Großmütter war Hitler-Fan. Sie blieb so bis zum Ende ihres Lebens.

Ihr Mann, mein Großvater, hatte sich freiwillig für die Wehrmacht gemeldet und begann sich erst nach langer Kriegsgefangenschaft mit dem jüdischen Glauben und später auch mit weiteren Weltreligionen auseinanderzusetzen. Die zweite großelterliche Familie war zwar stark katholisch geprägt und sogar engagiert, vom Kirchenchor über die Pflege der Marienkapelle bis hin zur Mitgründung eines christlichen Sport-Vereines, den die Nazis später verboten. Dennoch wehte an Feiertagen die nationalsozialistische Flagge in deren Garten. „Das gehörte sich halt so“ in der Straße.

Für mich waren diese Menschen liebevolle, sorgende Großeltern. Hass sieht eben bloß in Ausnahmefällen extrem aus. Oder hässlich.

Nachtfrost

Ein Schneepflug schneist sich eine Spur durch die Alte Schönhauser Straße.

Das wirkt übertrieben, tatsächlich ist der Pflug vorne am orangefarbenen 7,5-Tonner hochgezogen. Geschneit hat es nicht.

Nur ein Zeichen: An einigen Stellen der Stadt wird es wohl jedoch einiges an Eis wegzuräumen geben.

Hell strahlt das Weiß der Hausfassaden gegenüber des Spielplatzes. Gehemmt wirkt das Leuchten, ganz so als schwebten die Frostsymbole durch die Luft, jene Kristalle der Wetterkarten, und brächen das Licht.

Innerhalb von zehn Tagen sind beinahe alle Blätter auf den Schendelplatz hinabgefallen. Die alte Linde jedoch, der einnehmende Baum vor Ort, beginnt sich erst jetzt zu verfärben. Oben setzt sie Gelb an. Unten bleibt sie dicht und grün.

Ein Sonnenstrahl

Samstags ab 10 wird es leer am Schendelplatz. Die Samstagarbeiterinnen sind längst los gefahren, die frühen Läufer vorbeigezogen und die Dalmatiner Gassi gegangen. Hinten am Durchgang zum Spielplatz versammeln sich die Bäcker. Eine rauchen.

Ihre ersten Strahlen schickt die Sonne von hinten auf den Fernsehturm. Der wiederum leitet sie weiter an den Außenspiegel eines in der Alten Schönhauser Straße geparkten Opels, unweit der rauchenden Bäckerrunde.

Von dort blinkt der Strahl hinein in die Wohnung.

Schendelplatz, 06. November 2020

Selbst verschluckt hat sich das Licht.

Düsternis wabert über den Sphären. Nein, nicht einmal so konkret benennbar: Nicht-Licht diffundiert zwischen den anderen Bestandteilen Berlin-Mittes. Den Beanies, den Vans, den Volvos, den Van Moofs, den Ziereichen, den Dackeln, den Windhunden, den Burberry-Schals.

Die M4 fährt auf der Alternativstrecke durch die Alte Schönhauser Straße.

Mit einem Klingeln kommt sie zum Halt und bleibt minutenlang stehen in Höhe Linienstraße.

Die größtenteils englischsprachigen Kinder der Berlin Metropolitan School tauchen auf wie aus dem Nichts. Waren sie in der Tram? Mädchenstimmen vor dem Stimmbruch, Jungenstimmen vor dem Stimmbruch, autoritäre Lehrer-Verzweiflung.

Es funzelt so sehr, selbst die eigentlich elegante Beleuchtung des Lala Berlin wirkt heute wie eine Neonring-Küchenlampe aus den 1970er Jahren.

Die Leute treffen sich wie sonst auch zur Mittagspause auf den Holzbänken und Betonmauern des Schendelplatzes. Sie trinken Kaffee vom Zeit für Brot und essen ein Sandwhich aus dem Banh Mi Stable.

Ab etwa 16 Uhr passiert etwas. Das Nicht-Licht wird allmählich zu Dunkelheit.

Scharfer, kalter Wind

…und fuhr durch die Stadt, und fuhr schneller, mir wurde wärmer. So genoss ich den scharfen Wind. Er blies mir so kalt entgegen, dass ich schneller fahren wollte. Mir wurde noch wärmer.

Allmählich erhellte die Sonne die Dunkelheit des Morgens.

Mir wurde wärmer, und ich genoss den scharfen Wind.

Also fuhr ich schneller, mir wurde wärmer.

Auf dem Rückweg dann fuhr ich mit dem Wind, es war wieder dunkel. Mit dem Wind im Rücken war ich speedschnell, ohne Anstrengung.

Mit dem scharfen, kalten Wind.

Gruß an die Internationale Weltraum-Station (Ein Blatt fällt auf die linke Schulter)

Diese Schulter hat seit Jahrhunderten kein Mensch berührt. Ich streife einem Flusslauf entlang im Norden Berlins. Hier, schon Brandenburg, bildet die Briese einen See aus und mehrere Moore. Mein Körper fließt, die Atome wählen heute den flüssigen Zustand.

Ein Tropfen Schweiß landet auf meiner Nase.

Von einer Moorbirke löst sich ein Blatt. Es schaukelt im warmen Wind des Herbstnachmittages. Fällt auf meine linke Schulter. Es ist gelb, hellgelb, nein, mittelgelb, leuchtend im Zwielicht. Das Gelb ist heute die Farbe des Tages. Immer wieder taucht sie auf, in allen Variationen, kalt, matt, schrill, neon, lauwarm, sonnig. Das Gelb rhythmisiert das Fließen meines Körpers durch geschmolzene Farbblöcke, braun-gelb-baumstammgrün-rot-gelb-orange-gelb-gelb-braun.

Seht ihr das Blatt von da oben? Ich denke an die Internationale Weltraum-Station. Seit 20 Jahren leben Menschen nun permanent außerhalb der Erdatmosphäre. So lange ist es her, dass die ISS lanciert wurde.

Seht ihr die Birke? Seht ihr die Stadt?

Hestia Ingala in der Dircksenstraße

Wochenlang hatte der Text gestockt. Etwas ging nicht weiter. Es war nicht offenkundig, woran genau es haperte.

Auf dem Rückweg vom Haus der Kulturen der Welt dann am frühen Samstagabend offenbarte es sich. Eine junge Frau fragte mich in der Dircksenstraße, vor dem Hintergrund der S-Bahn-Bögen, nach einem Laden. Sie brauche unbedingt ein Notizbuch.

Sie trägt eine weiße Fellmütze. Darunter ein breites Gesicht mit dunkel-olivenfarbener Haut, kleinen, hellbraunen Augen, und einem breiten, schmalen Mund. Offen und sympathisch und gleichzeitig skeptisch-hinterfragende Mienen. Ich verweise auf das nahegelegene Luiban. Sie dankt herzlich und geht.

Und ich weiß: das ist das Gesicht der Heldin einer der drei Erzählstränge im Text. Daran hatte es gelegen. Ich hatte kein Gesicht gehabt für Hestia Ingala. Nun habe ich sie gesehen.