Hasselförde

Steiler ging es nun den Hügel hinauf, über Straßen, die mehr Aufriss boten als Untergrund. Die Landschaft flatterte an mir entlang.

Im Dorf hatte ein Mann meines Alters den Neujahrsmüll zur Straße geschleppt. Seine beiden Schäferhunde warteten geduldig am offenen Tor, sie würden diese nicht existierende Grenze nicht überschreiten. Beim Hinlaufen nach Hasselförde hatten sie noch meinen Weg begleitet, wild drohend, beinahe heiser bellend.

Ich rief den Mann. „Nur dass Sie Bescheid wissen, mir ist kurz vor Hasselförde ein Hund entgegengelaufen, kein Mensch weit und breit, graue Haare, ungefähr so hoch.“

Er gab sich nachdenklich, entgegnete mit einem „Das ist der Wolf“. Diese Analyse ließ er wirken.

„Dreh dich mal um.“ Und ich drehte. Über das Feld jagte eine riesige Horde Hirsche. „Der ist gerade auf Jagd“, kostete er die Sensation nun voll aus. Ich fühlte mich in der Palmolive-Werbung der 1980er-Jahre, in der eine Frau zu einer Hautberaterin geht und beim Gespräch zufällig ihre Hand in eine mit Spülmittel gefüllte Schale taucht.

„Wir haben zwei Rüden hier. Ja, das ist die Natur.“

Ich wünschte ein gutes Neues Jahr und erreichte mein Domizil unversehrt.

Abfahrt: Alien

Das Wetter macht sich bemerkbar. Wieder bemerkbar, endlich, beim Blick aus dem Fenster. Regen ist schön, und schon lange war er nicht mehr so schön anzusehen wie heute. Auf dem Platz bilden sich Lachen in der Erde, Autoreifen greifen Pfützen, Wasserfetzen, Wassercluster, Wassertropefen vermengen sich und landen auf der Alten Schönhauser Straße und auf dem Trottoir, wo die Verdatterten warten.

Wie die Trotzigen auf Fahrrädern gegen den Wind sich stemmen. Die Verzweifelten ihre Sonntagseinkäufe erledigen bei La La Berlin. Ein 13-, 14-jähriges Mädchen vor lauter Langeweile den Platz begeht, Längen misst mit ihren Schritten, während Ma oder Pa Brot einkaufen in der Bäckerei gegenüber. An solchen Tagen brennt in der einen Wohnung in der Häuserfront gegenüber schon ab 14 Uhr das Licht, andere beleuchten zweieinhalb Stunden später, wenn es so richtig düster wird.

Das Schendelplatz-Theater. Eine ganze Woche war es geschlossen gewesen, eine TV-Produktion hatte auf beiden Seiten des Parks die Sicht verbaut. Für Container mit dümmlichen Figuren-Namen, Catering-Lastkraftwagen oder Kostüm-Wohnwagen. Endlich sind sie abgezogen, Abfahrt des Aliens, des unbekannten Dings aus einer anderen Welt. Und der Blick aus dem Fenster zeigt das Wesentliche. Endlich wieder Wetter.

Muscheln-Pommes

Der Mädchenitaliener in der Alten Schönhauser Straße ist bekannt für gute italienische Küche. Um die Ecke in der Mulackstraße eröffnete sommers das Restaurant einen athmosphärischen Biergarten. Nun leveln die Mächenitaliener plus eins. Im Zelt, einem waschechten Rasenpavillon, gibt es auf dem Biergartengelände nun auch Winterküche. Die eleganten Fish’n’Chips stehen auf der Karte ebenso wie die Moules-Frites aus Belgien und Nordfrankreich.

Muscheln-Pommes, hier die hocherhitzte und knusprig ummantelte Birne aus der Erde, da die salzigen Schalentiere aus dem Wasser. Es traf mich wie ein Blitz. Die Uraromen strömten langsam und zielbewusst in mein Rezeptorensystem. Etwas Algenhaftes mit würzig-spritzigen Abgängen, etwas Torfiges als solider, dabei verwaschener Kontrast. Moules-Frites, Muscheln-Pommes.

Zwielicht

Schendelplatz, 26. Oktober 2021

Ins Zwielicht hinein klingelt die Glocke, die Abendglocke ist es. Es war den ganzen Tag hell gewesen und rasant dunkel geworden und ebenso rasant wieder hell. Die Leute spazierten mit den Pudeln, jetzt schon bedeckt mit Ponchos und Anoraks und Angora-Deckchen, also die Hunde. Ein junger Mann ging ganz komisch, so starr und stramm. Jemand setzte sich auf die Parkbank, und der Glimmstengel erhellte die nähere Umgebung, so düster war es da gerade. Das Schöne am Zwielicht ist, es ist eines dieser Wörter mit dem Potential des großen Verrücktmachens. Zwielicht, Zwielicht, Zwielicht, Zwielicht, Zwielicht. Lange geht das nicht gut. Sperrigkeit zu Beginn, dann eine vermeintliche Vokaldopplung, die jedoch übel abgebremst wird durch das behhäbige „L“ in der Mitte. Zwielicht.

Draußen

Das muss jetzt doch einmal, also gesagt, also was das war, für eine Ehre gestern. Gestern. Der Tag war schon gelaufen, und die rosenfingerige Eos in ihrem Safrankleid hatte bereits ihre Pferde Phaeton und Lampos in die Ställe eingefahren hinter dem Horizont.

Da streunte ich durch die Gassen des Scheunenviertels, der Sturm hatte sich gelegt, und dann, also was für eine Ehre. Er kam zurück. Dieser berühmte, den Kontinent Europa erschütternde Sturm kam zurück, wuchs und wuchs und wäschte Locken wuschig, und bämm!, die Klappen da oben öffneten sich und Wasserfall.

Habe die Ehre!, entfuhr es mir, einen Wiener Akzent nicht vermeiden könnend, was mir gleich peinlich, sofort danach wiederum jedoch nicht mehr peinlich war, das war ja eine ganz private Konversation und der Sturm würde das schon verstehen.

Gelb

Schendelplatz, 21.10.2021

Das Gelb, das am Abend aus dem Grün der Wiese und dem Grün des Laubs über dem Kopfsteinpflaster herausleuchtet, kündigt den Sturm an. Es ist jenes Schwefelgelb, das am Sturmtag mit einem Mal die Welt überstrahlt. Als habe es keine Lichtquelle, sondern sei Licht selbst, das aus sich heraus Licht herstelle.

Orange am Abend

In der halben Stunde gegen 6 Uhr abends finden die orangenen Festspiele statt. Im Himmel senkt sich das große Gefährt und wirft die Farbe aus dem Westen in die Stadt. Hier scheinen die Laternen. Himmelsorange und Straßenorange beleuchten die Parkbäume. Orange in orange in orange glimmern die Dämmerung weg. Die Heilung in Orange, The Cure in Orange.