Einige journalistische Texte
für Groove, „Compilations des Jahres 2023“
VA – Klar!80 – Ein Kassetten-Label aus Düsseldorf 1980 – 1982 (Bureau B)
Ein Original, eine Kopiermaschine: die Kassette war das erste Medium, mittels dessen Musik quasi vom Wohnzimmer aus unter die Leute gebracht werden konnte. So florierten im Ausklang des Punk mit seinem Do-It-Yourself-Ethos die Kassettenlabels. Eines davon stellt Stefan Schneider, früher Kreidler und To Rococo Rot, vor. Klar!80 veröffentlichte 18 Kassetten und eine Vinylbox in der kurzen Zeit zwischen 1980 und 1982. Es gab zudem einen Treffpunkt: ein Ladenlokal in Düsseldorf-Bilk.
Die Stücke in Schneiders Auswahl sind geprägt von Exaltiertheit – affektierte Schreie, schräge Saxofone –, mehr aber noch durch eine rhythmische Komplexität. Europas „Dein Zauber” etwa röchelt über einen dubbigen Herzschlag, „OT” von Eraserhead rührt alles in einer schnell rotierenden, kosmischen Suppe aus Bleeps und Funken.
Mit CHBB sind die späteren Liaisons Dangereuses vorzuhören; Chrislo Haas und Beate Bartel fertigen mit „Mau-Mau” eine Klangcollage aus Stimmfetzen, Tröten und einem perkussiven Beat mit Betonung auf Zwo und Vier. Ähnlich, nur lärmiger gehen Blässe mit ihrem sprachverliebten Titel „Taktlose Klapperschlangen” vor. Eine neue Vorgeschichte der Neuen Deutschen Welle wird hier geschrieben. Erfreulich, dass auch sie nicht erklären kann, was die Punks zu der Zeit vom Saxofon wollten.
für Groove, „Alben des Jahres 2022“
Perel – Jesus Was An Alien (Kompakt)
Er heißt Jesus Christus in der Theologie und Jesus von Nazareth in der weltlichen Geschichtsschreibung. Er hat schon weirde Dinge gemacht. Das ging los mit der Geburt, in einer Scheune, beleuchtet von einem enormen Kometen, beschenkt mit Weihrauch und anderem trippigen Material, sodass Hirten und Engel mitten in der kalten Bethlehemer Nacht zusammen eine Freiluft-Party feierten. Dann ist er drei Tage nach seinem Tod wieder auferstanden. Auch das war merkwürdig, seine engsten Leute erkannten ihn danach nicht wieder und statt irgendwann ins Grab hinabzusteigen, soll er in den Himmel gefahren sein. Hatte er also vielleicht ein Raumschiff? War Jesus ein Alien? Diese quatschige Frage stellt Perel. Und es ist klar, warum. Die Frage trägt einfach.
„My eyes fixated on the sky/ Dreaming …” So beginnt dieses Album, das zweite der in New York lebenden und im Erzgebirge aufgewachsenen Annegret Fiedler, die sich Perel nennt. Es ist eine Pop-Frage, und in dem Zusammenhang darf Jesus Was An Alien auch keine Frage mehr sein. Das Titelstück säuselt Wölkchen-Electro. Perel spricht über jene Human-Voice-Synthesizer, die Monty Python im Film Das Leben des Brian in der Geburtsszene des Brian ertönen lassen, und redet sich gemeinsam mit der Montréalerin Marie Davidson in einen stellaren Flow, der in Davidsons sich im Französischen praktischerweise reimenden Frage gipfelt: „Jesus, Jesus/ D’où viens-tu?”
Weitere Titel lassen sich zum Jesus-Komplex zusammenklecksen, „Religion”, „Kill The System” und „Matrix”. Im Piano-House-Stück „Religion“ gehen Claps und trockene, leicht angerauhte Bass-Linien Hand in Hand, und Perel stellt sich dazu in deutscher Sprache die Frage zwischen Realität und Traum, und die messianische Ikonografie des Wachowski-Films ist sofort da.
Sie findet eine Spiegelung in „Real”, das die gleiche Frage stellt zu einer wegbeamenden Synthie-Electro-Fuge mit enormem Sog. „Kill The System” hingegen stellt die patriarchale Frage, die unter einer Überschrift wie „Jesus Was An Alien” besonders vertrackt ist. Denn der, der für Gläubige nicht von dieser Welt gewesen ist, gerierte sich liebenswürdig und imperialismuskritisch in einer patriarchalen Welt unter römischer Dominanz, nur um in den folgenden Jahrhunderten eine ultrapatriarchale Ultramacht zu hinterlassen. Es ist einer der musikalisch besonders aufregenden Tracks dieser Sammlung: „Im Zentrum der Macht/ Erklingt ein Lied”, und es ist eben ihr Lied, und es inszeniert einen anschwellenden Aufruhr, um sich in einer Acid-Abfahrt zu ergehen, die bei allem Zorn ihre Leichtigkeit mit sich trägt und ihren fluffigen Groove.
So trägt der Albumtitel zu dieser Inszenierung bei: Das Spektakuläre an Perels kosmischer Diskothek ist der Alltag. Denn beschreibt Fiedler nicht, vielmehr öffnet sie einen Alltagsraum mit diesen Liedern, der Brötchenholen mit der Gottesfrage eins setzt (Achtung Metapher, sie singt nicht wirklich über Brötchen). Was der Tag so mit sich bringt. Und die Ikonografie: Als Himmelskönigin, als Mondsichelmadonna kennen wir Maria, und nun haben wir die Ausserirdischenmutter. Perel, auf dem Album-Cover madonnenhaft in Szene gesetzt mit raumfahrthelmartigem Heiligenschein und Jesus-Gruß, säugt ein Alien-Baby, wie es in der Techno-Welt um das Jahr 1990 oft und gerne dargestellt wurde. Sie ist vom Geist geküsst, vielleicht ist es sogar ein heiliger.
für Groove, Dezember 2022
Nicky Soft Touch – Lonely City Cuts (Time Is Now)
Der Verleser ließ zunächst liebliche, also „lovely“ Innenstadt-Schnitten erwarten. Auch dieser Titel träfe zu. Denn Nicky Soft Touch macht Innenstadt-Musik Bristoler (wo er lebt) und Londoner (wo er eine zeitlang lebte) Prägung. Innerhalb des Spektrums jedoch klingen seine augeschnittenen Beat-Arithmetiken freundlich, wohlzumut und gut drauf, wenn auch der raue Winterwind durch graue Gassen bläst wie in „We Absolutely Love This Music“. Da kontert Nicky Soft Touch den Meteo-Mätzchen mit warmen Synthie-Flächen, die das Stück in diesen rosa-orangenen Farbtönen erklingen lassen.
Oder „They Held Each Other While The Ceiling Dripped“, so eine „Der arme Poet“-Romantik! Zwar tauchen zunächst Spuren Burialschen Geisterspuks auf. Vor allem aber ist der Track ein Spielplatz aus Samples, Bleeps und gebrochener Rhythmik. Und ein Spielplatz ist zum Spielen gemacht, und das macht Nicky Soft Touch. „It Bothers Me Everyday“ trägt Congas auf in einem sehr funky Stil, „Then There Was Mass Chanting“ ist eine von Soul-Stimmen gepushte Hymne für den Floor, ebenso „Lost In A Sea Of Rolling Eyes“.
„Lonely City“ führt als klassisches HipHop-Interlude in die Variationen des „Lonely City Cuts“, die als Variationen von Eins bis Vier auftauchen. Etüden verschiedener Würge- und Sirenen-Bässe, Stimmschnitzereien, funky Breaks. So gekonnt, so Abbild eines Stils und dabei immer aufs Spielen setzend, dass es an Damian von Erkers „In Case You Don’t Know What To Play“ erinnert, nur dass es dort eben um House ging.
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für Groove, September 2022
DJ Fucks Himself – Weisse Weste EP (Natural Positions)
Verspielte Breakbeats von Niklas Fucks sind am Hineinkommen. Die Vier-Track-EP mit zwei Digital-Exclusives bricht runter mit „Café del Mardcore”, unterbietet teuflisch lächelnd jeden Friseursalon-Wortwitz, um sich bei 148 Schlägen in der Minute kurz über Klingelglöckchen lustig zu machen, bevor die superhochpetitchten Stimmen schwirren.
„Dream Team” hingegen verschränkt Flöten und Footwork, eingehüllt in Sternenstaub versandet die Suche nach der Zählzeit im schwarzen Nichts, das vielleicht ja weiß ist.
„Ausgefallen” ist ausgefallen scharf produziert. Rund rollen die Breaks, die WahWah-Gitarre schiebt sich plastisch in die Landschaft und die Maschinenbeats federn. Mit „Take It” wackelt ein hinternfreundliches Electro-Teil hinterher, jpeg.love, Co-Boss bei Raiders Records, remixt sich für die Digitalveröffentlichung „Dream Team” in eine Rave-Euphorie. UrbnMowgli geht für den „Take It”-Remix die Fuckparade suchen, so ranzig schnoddert es hier rum. Also: alles cool, klar, alles wunderbar.
für Groove, September 2022
Shiken Hanzo – Eternity Of Echoes (Incienso)
Shiken Hanzo ist nach wie vor besessen mit dem Phänomen des Samurai und dessen Geschichte. Das beginnt mit dem Pseudonym des Londoner Breakbeat-, Drum’n’Bass- und Industrial-Produzenten, der eigentlich Ryan Fearson heißt. Zu seiner Sound-Ästhetik passte auf bisherigen Veröffentlichungen jeweils die unaufgelöste Spannung zwischen Aktion und Besinnung, zwischen hell und dunkel.
Auf der 4-Track-EP „Eternity Of Echoes“ jedoch fällt er eine Entscheidung: Von Anbeginn an, der hier „Darkest Entities“ heißt, steht er auf der ungemütlichen Seite. Die Flächen dräuen wie böse Kampftiere in Fantasy-Verfilmungen, und selbst der rollende Breakbeat wirkt wie ein Flug in die Düsternis. „Eightfold Blessing of Amaterasu“ öffnet sich ein wenig dem Lichten, immerhin wird die Sonnengöttin in Japan „Amaterasu“ genannt, doch bereits im darauf folgenden Titelstück fauchen wieder die Snares, unken die Basslines von dunklen Ahnungen, werden Ketten geschmiedet.
Der klingenscharfe Jumper „The Reaping“ schließlich ist gut vorstellbar als Soundtrack einer koreanischen Neuverfilmung von „The Shining“. Dunkel, doch exakt.
für Groove, September 2022
Om Unit – Acid Dub Studies II (Om Unit)
Om Unit macht es wieder und übt sich in Minecraft Dub. Eine Freude, denn der erste Teil der Acid Dub Studies gehörte im Jahr 2021 zum Besten, was es im Hardcore Continuum an Veröffentlichungen gegeben hatte, das „Bristol Theme“ sicher zu den Signature-Stücken des Jahres.
Jim Coles aus London bewegt schon seit über einer Dekade im Feld der Breakbeats aller Tempi. Mit Veröffentlichungen auf Exit, Planet Mu und Metalheadz lotet er nun die Möglichkeiten des Selbst-Publizierens aus und nutzt dafür vor allem die Plattform Bandcamp, wo er bereits die erste Folge der „Acid Dub Studies“ ohne Label herausgab – so erfolgreich, das selbst das in diesem Frühjahr nachgereichte „Versions“-Album mit Remisen von Deadbeat oder CV313 bereits vergriffen ist.
„Acid Dub Studies II“ legt davon unbeeindruckt nach: das Leichte, das Spielende schwebt über dem Album. „Melted“ beginnt mit irisierenden Spiralnebeln, um von „Camo“ fortgeführt zu werden, einem Digi-Dub, dessen Sing-Melodie auf Panflöten eingeträllert kommt anstatt auf einer Melodika. Das volle Spektrum der „Acid Dubs“-Serie entfaltet sich auf Stücken wie „Strange Brew“: enorme Breite in den mittleren Höhen-Frequenzen, Sub-Bässe, und die blibbernden, blubbernden Sounds des Roland TB-303, der einst schon Acid House den Namen gab. Dabei zieht Coles die Skizze dem High End vor, „Pursuit“ etwa wäre durchaus vorstellbar mit stärkerer Trennschärfe in den Frequenzbereichen, doch das würde eben auch den Produktionsfloww verkomplizieren: so kommt sie eben zustande, die „Minecraft“-Ästhetik. Spielen geht über Studieren. Was Tracks wie „Acid Tempo“ zu Lieblingsstücken macht.
Die Track-Länge ist wie bei einem frühen Beatles-Album zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Minuten, was die Frage aufkommen lässt, ob diesem Album eine Voice-Version folgen wird.
für Groove, September 2022
Sarah DavachiTwo Sisters – Chamber Music for Consorts in Yellow, Green, and Bronze (Late Music)
Mit ihrem neuen Album bewegt sich die nordamerikanische Komponistin Sarah Davachi in der Alten Musik, der Minimal Music der 1960er Jahre sowie im gegenwärtigen Klang-Prozessieren. Baff machende Reibung entsteht.
Mittendrin, etwa in „Icon Studies I“, stellt sich das Begreifen ein: hier entsteht Musik von neuer Schönheit, einer Schönheit, die sich aus einem zerstückelten Begriff von Zeit speist. In diesem kurzweiligen 12-Minuten-Stück vergeht die Zeit sehr, sehr langsam, das Hören benötigt diese Dauer, und vermag zu entziffern, ähnlich wie der Sehsinn ein Bild entziffern kann. Das Hören kann den Harmonien folgen und ihrem langsamen Vergehen, und ebenso den vertikalen Bewegungen, Tonhöhe rauf Tonhöhe runter, wie es eben möglich ist beim Betrachten etwa einer orthodoxen Ikonographie.
Diese Flexibilität in der Komposition, dieses Springen zwischen hier und dort, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeigt sich bereits in der Eröffnung. Die in Kanada aufgewachsene und derzeit in Kalifornien lebende Komponistin benennt mit „Hall Of Mirrors“ das Eröffnungsstück quasi mit ihrer Arbeitsweise, mit allen Spiegelungen in die Unendlichkeit und Abbildungsverformungen, die solch einen Spiegelsaal charakterisieren. Im Folgestück „Alas, Departing“ bearbeitet sie das Lied „Alas Departynge is Ground of Woo“ aus dem 15. Jahrhundert des europäischen Mittelalters, indem sie Stimmgruppen aufteilt, vereinzelt, hintereinander schiebt, jedoch immer mit einer Re-Konstruktion der Dekonstruktion im Auge behält: die bereits eingangs beschriebene, zeitgemäße Schönheit mitsamt einem molekularen Zeitbegriff.
Die Reife der beiden ersten Arbeiten durchzieht das komplette Album, das so zu einer meisterlichen Arbeit der elektronischen Musik des Hörens heranreift: ein vielstimmiges und dennoch homogenes Klangwerk aus elektrischer Orgel, Viola, Cello und Singstimmen; eine hochkonzentrierte Bewegung weg von den ach so einstudierten Alltagshandlungen und ihren Verständnissen von Zeit und Action.
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