Tradition & Rückbezug

Schendelplatz, 02. Januar 2021

Die „1“ in der neuen Jahreszahl, noch wirkt sie wie ein Zusatz zum gerade abgelaufenen Jahr. In der Schlange vor der Bäckerei bleiben die Leute höflich. Und die Hunde pinkeln in 2020er-Laub.

Aus jenem Jahr stammen die Masken der Schlangestehenden, das Mehl für’s Brot, Kaffee und Rotwein. Im Cache des Browsers noch die zweite Aussendung des festlichen Karaokes auf Cashmere Radio.

Noch bezieht sich das Alte auf das Neue.

Im dunklen Wald

Buch, 28. Dezember 2020

Sie stehen, die Silhouetten der kahlgemachten Buchen. Vom Wind lassen sie sich allenfalls anwehen.

Jeder Regentropfen in der Luft hallt nach in den anderen Tropfen, in allen anderen Tropfen, Millionen, Milliarden Kügelchen Wassers. Die Dunkelheit sammelt sie sämtlich. Um sie dann fallen zu lassen auf die Wegsteine, die eigentlich eine Farbe hätten. Auf die laubverschmierte Erde. Schon schließt sich an: die nächste Bruchsekunde. In ihr hallt jeder Tropfen nach in jedem anderen.

Hüpft ein Spatz durch den Farn, so ist das ein Ereignis.

Die Ruhe vor der Ruhe

Schendelplatz, 28. Dezember 2020

Nach einem Pflichttreiben vor Heiligabend ist es seit dem 24.12. still. Niemand geht mehr einkaufen, das Wetter ist zu schlecht für die Bank, zu nass. Die Sterne drüben in der Auslage spiegeln die bunten Lichter in der Wohnung. Als ein Hund bellt, antwortet ein anderer, und in Echowolken zieht sie herauf, die Ruhe.

Musik in Mitte

Schendelplatz, 16.12.2020

Gerüstbauer (bauen Gerüst ab)
bämm bämm bämm!
polt polt polt!
ratter schratter schratter ratter!

Älterer Herr (entrüstet)
Bämm bämm bämm! Geet did nochn bissn lauta?

Gerüstbauer (entschuldigend)
Aba, wir sind doch am Aabeidn!

Älterer Herr (entrüstet)
Dit kann mann auch leise machn, aabeidn!

Gerüstbauer
BÄMM! BÄMM! BÄMM!
POLT! POLT! POLT!
RATTER! SCHRATTER! SCHRATTER! RATTER

Schwarzwasser

Schendelplatz, 06.Dezember 2020

Kalt ist das Wasser, fast schwarz formt es Muster im Bassin an der Janowitzbrücke. Konvex-konkav, wild und brav. Zärtlich scheint die milde, die orangensaftfarbene Sonne durch das Gelb und Grün der Trauerweide an der Fischerinsel. Menschen promenieren auf und ab, tragen Becher mit Plörre vs. durch Winzerglühwein geadelte Cups in ihren behandschuhten Händen. Das macht der Wetter-Gap. Gestern so, heute so, heute ist es sogar warm genug für ein Käffchen auf dem Mäuerchen. Eine Möwe kommt noch einmal nachschauen.

Tanzen auf dem Mond

Wenn es hier nicht möglich ist zu tanzen, dann tanze ich auf dem Mond.

Die Metallplatten schimmern mondfarben.

Metallen leuchtet der Mond; von hinter dem Bode-Museum die Spree hinauf in Richtung Bellevue.

Ich laufe über die Brücke und meine Füße steppen über die Metallplatten.

Es ist Mondlicht, es ist Mondmetall, ein Mondtanz, ich tanze auf dem Mond.

Zuhause etwas Zimt zum Nachzünden.

Der sich biegende Tag

Schendelplatz, 23. November 2020

Im olivgrünen Parka stürzt die junge Frau in Richtung Torstraße.
Und doch kommt sie kaum voran.

Dieser Tag biegt sich. Seine warmen Koloraturen wussten schon um Zwölf vom Aufkommen des Sturmes um halb Drei. Von der abnehmenden Sättigung aller Farben, die damit auch einsetzen würde.

Ich habe den „Stechlin“ von Theodor Fontane heute zu Ende gelesen.

Ein Gedanke: obwohl die „neue Zeit“, die Indus­trialisierung, das wachsende Selbstbewusstsein von Bourgeoisie, Bäuerlichkeit und Arbeiterschicht in der Zeit des Textes als Größen heranwachsen, so setzt sich eine Konstante doch fort bis heute. Vom „Stehenden“ mag, wie Karl Marx es so präzise formulierte, viel „verdampft“ sein durch den zu Zeiten des Junkers von Stechlin expandierenden Kapitalismus. Dessen Wucht ist überraschenderweise dennoch nicht stark genug gewesen für das von Marx ebenso miterwähnte „Ständische“.

Ich formuliere das vorsichtig. Es bedarf doch näheren Hinschauens: das „Ständische“, es ist nicht „verdampft“. Die Herkunft, die Stände strukturieren bis heute die Gesellschaften. Die Stände können Halt geben für die Subjekte, und ebenso behindern sie die Freiheit zum sozialen Aufstieg. Dass selbst das Kapital diese Tradition nicht zerstören konnte, mahnt zur Vorsicht bei der Voraussage gesellschaftlichen Wandels durch die Digitalisierung.

Der Wind treibt einen Rennradler in „Rapha“-Klamotten durch die Straße. Vom Spielplatz her quietscht die Reifenschaukel. Ihr Ton verklingt zu langsam, als würde er in Zeitlupe über den
Schendelplatz schallen.

Die Größenverhältnisse dieses Tages, sie stimmen nicht.

Schendelplatz, 22. November 2020

Über die Anlage schummert die neue, sehr sehr rauchige Josephine Foster.

Sonne und Mond und Sterne halten sich bedeckt. Frostig ist‘ s, Nachtfrost war herein­gefallen auf den Schendelplatz.

Die Samstagsleute bestücken Tüten, rasseln durch die Straßen, als sei heute der einzige Tag.

Als sei morgen Weih­nachten. Ist das heilige Fest denn nicht am nächsten Mittwoch?

Schendelplatz, 14. November 2020

Ein moosgrüner Jaguar schipperte durch die Max-Beer-Straße. Uraltes Modell. Matt lag der Asphalt.

Jetzt erst beginnt der Belag zu glänzen. Über Nacht hatte es geregnet. Durch die Wolkendecke schickt der Strahlenplanet seine Streifen. Sie sorgen für schwefelfarbene Schattierungen zwischen der Gelateria Cuore di Vetro und der Kreuzung Rosa-Luxemburg-/ Ecke Torstraße.

Tapfer tupft ein junger Mann seinen Kinderwagen über den Platz. Daraus kreischt es urlaut und irrschrill. So laut, das kann doch nur Hunger sein. Als der graphitfarbene Kinderwagen wieder auftaucht, herrscht Ruhe. Auf dem Babyschlafsack thront eine Bäckereitüte.

Der echtseidene Morgen

Siehe, selbst der pinkelnde Corgi, viel zu kurze Beine, viel zu undefinierte Massesubstanz, mitten auf dem Platz handelnd, weder Baum noch Bank, schaut edel aus. Bescheint ihn doch das Licht.

Ganz allmählich hat es sich herausgewunden aus bleierner Schwere. Aus Morgenmacchiato, Dämmerdunst. Das Gold materialisiert sich in seidener Materialität und sorgt für Eleganz. Die Seitenfront des ehemaligen Hostels in der Linienstraße, der Mountainbiker in Neongelb, der Hermes-Transporter und die Schaufensterfront von Antique Jewelery, sie tragen Rokoko-Perücken an diesem Tag.

Der Welsh Corgi Pembroke, „Wachhund aus Wales“, blickt sich noch einmal um.