Der sich biegende Tag

Schendelplatz, 23. November 2020

Im olivgrünen Parka stürzt die junge Frau in Richtung Torstraße.
Und doch kommt sie kaum voran.

Dieser Tag biegt sich. Seine warmen Koloraturen wussten schon um Zwölf vom Aufkommen des Sturmes um halb Drei. Von der abnehmenden Sättigung aller Farben, die damit auch einsetzen würde.

Ich habe den „Stechlin“ von Theodor Fontane heute zu Ende gelesen.

Ein Gedanke: obwohl die „neue Zeit“, die Indus­trialisierung, das wachsende Selbstbewusstsein von Bourgeoisie, Bäuerlichkeit und Arbeiterschicht in der Zeit des Textes als Größen heranwachsen, so setzt sich eine Konstante doch fort bis heute. Vom „Stehenden“ mag, wie Karl Marx es so präzise formulierte, viel „verdampft“ sein durch den zu Zeiten des Junkers von Stechlin expandierenden Kapitalismus. Dessen Wucht ist überraschenderweise dennoch nicht stark genug gewesen für das von Marx ebenso miterwähnte „Ständische“.

Ich formuliere das vorsichtig. Es bedarf doch näheren Hinschauens: das „Ständische“, es ist nicht „verdampft“. Die Herkunft, die Stände strukturieren bis heute die Gesellschaften. Die Stände können Halt geben für die Subjekte, und ebenso behindern sie die Freiheit zum sozialen Aufstieg. Dass selbst das Kapital diese Tradition nicht zerstören konnte, mahnt zur Vorsicht bei der Voraussage gesellschaftlichen Wandels durch die Digitalisierung.

Der Wind treibt einen Rennradler in „Rapha“-Klamotten durch die Straße. Vom Spielplatz her quietscht die Reifenschaukel. Ihr Ton verklingt zu langsam, als würde er in Zeitlupe über den
Schendelplatz schallen.

Die Größenverhältnisse dieses Tages, sie stimmen nicht.

Schendelplatz, 22. November 2020

Über die Anlage schummert die neue, sehr sehr rauchige Josephine Foster.

Sonne und Mond und Sterne halten sich bedeckt. Frostig ist‘ s, Nachtfrost war herein­gefallen auf den Schendelplatz.

Die Samstagsleute bestücken Tüten, rasseln durch die Straßen, als sei heute der einzige Tag.

Als sei morgen Weih­nachten. Ist das heilige Fest denn nicht am nächsten Mittwoch?

Schendelplatz, 14. November 2020

Ein moosgrüner Jaguar schipperte durch die Max-Beer-Straße. Uraltes Modell. Matt lag der Asphalt.

Jetzt erst beginnt der Belag zu glänzen. Über Nacht hatte es geregnet. Durch die Wolkendecke schickt der Strahlenplanet seine Streifen. Sie sorgen für schwefelfarbene Schattierungen zwischen der Gelateria Cuore di Vetro und der Kreuzung Rosa-Luxemburg-/ Ecke Torstraße.

Tapfer tupft ein junger Mann seinen Kinderwagen über den Platz. Daraus kreischt es urlaut und irrschrill. So laut, das kann doch nur Hunger sein. Als der graphitfarbene Kinderwagen wieder auftaucht, herrscht Ruhe. Auf dem Babyschlafsack thront eine Bäckereitüte.

Der echtseidene Morgen

Siehe, selbst der pinkelnde Corgi, viel zu kurze Beine, viel zu undefinierte Massesubstanz, mitten auf dem Platz handelnd, weder Baum noch Bank, schaut edel aus. Bescheint ihn doch das Licht.

Ganz allmählich hat es sich herausgewunden aus bleierner Schwere. Aus Morgenmacchiato, Dämmerdunst. Das Gold materialisiert sich in seidener Materialität und sorgt für Eleganz. Die Seitenfront des ehemaligen Hostels in der Linienstraße, der Mountainbiker in Neongelb, der Hermes-Transporter und die Schaufensterfront von Antique Jewelery, sie tragen Rokoko-Perücken an diesem Tag.

Der Welsh Corgi Pembroke, „Wachhund aus Wales“, blickt sich noch einmal um.

Schendelplatz, 9. November 2020

Putzen ist hier auf die Knie gehen ist pflegen ist: sich mit dem Leben der Leute beschäftigen und es in guter Erinnerung behalten.

Schon über’s Wochenende rieben die hiesigen Nachbarn die Stolpersteine in der Umgebung mit einer Paste ab und bürsteten die Messing-Objekte. Die Stolpersteine erinnern vor den einstigen Wohnhäusern an die durch Nazis deportierten Juden. Vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht werden sie zum Glänzen gebracht, sodass die eingelassenen Namen und Lebensdaten gut sichtbar werden. Oft brennt daneben eine Kerze oder es liegt ein Blumenstrauß auf dem Gehweg.

In der Linienstraße, in der Almstadt- oder Max-Beer-Straße, rund um die Volksbühne: auch hier, im eng gefassten Scheunenviertel, lebten also Juden. Wenn auch das eigentliche „Jüdische Viertel“, so es denn eines gab im Berlin der Weimarer Zeit, etwas weiter westlich lag, in der Spandauer Vorstadt rund um den Hackeschen Markt.

Zurück zum Scheunenviertel, zurück zum Schendelplatz. Hier gibt es einen weniger bekannten Vorläufer zur Reichspogromnacht 1938. Am 5. November 1923 bereits fanden Juden-Verfolgungen pogromartigen Ausmaßes statt. Sie nahmen ihren Anfang vor dem Arbeitsamt in der Gormannstraße. Zu Tausenden hatten Arbeitslose angestanden, um Hilfsgelder in der Zeit der Geldentwertung nach dem 1. Weltkrieg zu erhalten. Im Laufe des Tages war das Geld ausgegangen. Rechtsextreme Redner nutzten die Situation aus. Sie wiegelten die Menschen auf: Jüdische Bankiers aus Osteuropa hätten, so die Mähr, das Geld vom Markt gekauft. Das Kalkül ging auf.

Im ganzen Viertel wurden Geschäfte verwüstet, Menschen jüdischen Aussehens zusammengeschlagen. Gezielt wurden sogar Anwohner mit jüdischen Namen aus ihren Wohnungen gezerrt.

Die Wiedererstarkung des rechten Randes auch in Deutschland zeigt, dass alle Formen von Diskriminierung gegen Minderheiten zur Sprache gebracht werden und aktiv bekämpft werden müssen. Denn ohne die Freiheit der Minderheiten bietet keine Demokratie eine freie Gesellschaft. Eine meiner beiden Großmütter war Hitler-Fan. Sie blieb so bis zum Ende ihres Lebens.

Ihr Mann, mein Großvater, hatte sich freiwillig für die Wehrmacht gemeldet und begann sich erst nach langer Kriegsgefangenschaft mit dem jüdischen Glauben und später auch mit weiteren Weltreligionen auseinanderzusetzen. Die zweite großelterliche Familie war zwar stark katholisch geprägt und sogar engagiert, vom Kirchenchor über die Pflege der Marienkapelle bis hin zur Mitgründung eines christlichen Sport-Vereines, den die Nazis später verboten. Dennoch wehte an Feiertagen die nationalsozialistische Flagge in deren Garten. „Das gehörte sich halt so“ in der Straße.

Für mich waren diese Menschen liebevolle, sorgende Großeltern. Hass sieht eben bloß in Ausnahmefällen extrem aus. Oder hässlich.

Nachtfrost

Ein Schneepflug schneist sich eine Spur durch die Alte Schönhauser Straße.

Das wirkt übertrieben, tatsächlich ist der Pflug vorne am orangefarbenen 7,5-Tonner hochgezogen. Geschneit hat es nicht.

Nur ein Zeichen: An einigen Stellen der Stadt wird es wohl jedoch einiges an Eis wegzuräumen geben.

Hell strahlt das Weiß der Hausfassaden gegenüber des Spielplatzes. Gehemmt wirkt das Leuchten, ganz so als schwebten die Frostsymbole durch die Luft, jene Kristalle der Wetterkarten, und brächen das Licht.

Innerhalb von zehn Tagen sind beinahe alle Blätter auf den Schendelplatz hinabgefallen. Die alte Linde jedoch, der einnehmende Baum vor Ort, beginnt sich erst jetzt zu verfärben. Oben setzt sie Gelb an. Unten bleibt sie dicht und grün.

Ein Sonnenstrahl

Samstags ab 10 wird es leer am Schendelplatz. Die Samstagarbeiterinnen sind längst los gefahren, die frühen Läufer vorbeigezogen und die Dalmatiner Gassi gegangen. Hinten am Durchgang zum Spielplatz versammeln sich die Bäcker. Eine rauchen.

Ihre ersten Strahlen schickt die Sonne von hinten auf den Fernsehturm. Der wiederum leitet sie weiter an den Außenspiegel eines in der Alten Schönhauser Straße geparkten Opels, unweit der rauchenden Bäckerrunde.

Von dort blinkt der Strahl hinein in die Wohnung.

Schendelplatz, 06. November 2020

Selbst verschluckt hat sich das Licht.

Düsternis wabert über den Sphären. Nein, nicht einmal so konkret benennbar: Nicht-Licht diffundiert zwischen den anderen Bestandteilen Berlin-Mittes. Den Beanies, den Vans, den Volvos, den Van Moofs, den Ziereichen, den Dackeln, den Windhunden, den Burberry-Schals.

Die M4 fährt auf der Alternativstrecke durch die Alte Schönhauser Straße.

Mit einem Klingeln kommt sie zum Halt und bleibt minutenlang stehen in Höhe Linienstraße.

Die größtenteils englischsprachigen Kinder der Berlin Metropolitan School tauchen auf wie aus dem Nichts. Waren sie in der Tram? Mädchenstimmen vor dem Stimmbruch, Jungenstimmen vor dem Stimmbruch, autoritäre Lehrer-Verzweiflung.

Es funzelt so sehr, selbst die eigentlich elegante Beleuchtung des Lala Berlin wirkt heute wie eine Neonring-Küchenlampe aus den 1970er Jahren.

Die Leute treffen sich wie sonst auch zur Mittagspause auf den Holzbänken und Betonmauern des Schendelplatzes. Sie trinken Kaffee vom Zeit für Brot und essen ein Sandwhich aus dem Banh Mi Stable.

Ab etwa 16 Uhr passiert etwas. Das Nicht-Licht wird allmählich zu Dunkelheit.