Der Tod

Bewölkter Himmel, ein Schwarm Krähen, die Sonne steht.

Was ist der Tod? Das Unvorstellbare ist der Tod. Nichts kann ich mir unter dem Tod vorstellen. Er hat keine Gestalt.

Soviele Gestalten stellt er in der gesammelten Vorstellungskraft aller Lebenswelten unserer Welt dar, er nimmt so viele, so unterschiedliche Figuren ein, dass die Bilder ins Schwimmen geraten.

Mag jedes einzelne scharf, bisweilen drastisch ausfallen, der Sensemann oder die Skelette des Dia do Muertos; die Vielzahl der Verköperungen des Todes in der menschlichen Fantasie und außerdem die regelmäßigen Wiederholungen jener in Ausstellungen, Filmen, Texten, Games verlieren diese Sinnbilder jegliche Wucht, entledigen sich ihrer Aussagekraft überhaupt.

Da beginnt das schon. Was ich mir nicht vorstellen kann, das kann in mir nicht heimisch werden.

Was ich mir nicht vorstellen kann, das kann in mir nicht heimisch werden.

Über das Unheimliche geht der Tod mit dieser Gestaltlosigkeit weit hinaus. Unheimlich kann nur sein, wofür ich selbst im Körper, im Denken, im Fühlen, etwas finde, ein Bild, einen Klang, einen Geruch, das soviel Aussagekraft hat, in mir Angst auszulösen. Ja, mir Angst einzujagen, als spannte jemand den Bogen und zielte schnurgerade auf mich. Selbst eine noch so vage Einstellung, sei es die berühmte Gardine, die hinter dem Sofa im Wind flattert, vermag mir diese Angst unterzujubeln. Der Tod jedoch: nada.

Keine Gerüche, keine Bilder, keine Klänge. Vom Tod ist nichts überliefert. Nichts, was Sinn zu stiften vermag. Verwandte Bedeutungsfelder werden von ihm beackert, aber sonst… Reisen zum „Licht am Ende des Tunnels“ aus Nahtoderfahrungen, Leichenfäulnis und deren Gestank, all die Sagen und Legenden über Untote. Mit dem Tod als Phänomen haben sie nichts zu schaffen. Die Geschichten bewirken so eine weite Verschleierung des Todes. Die Unmöglichkeit des Heimischwerdens des Todens in mir, des Ichwerdens, sie wird durch all das, was über den Tod überhaupt erzählbar ist, noch erhöht.

Der Tod lässt sich nicht erzählen. Krähen sind würdevolle Tiere, Und weiter steht die Sonne zwischen Bläue und Wolke.

Veröffentlicht von Christoph Braun

Christoph Braun, geboren 1970 in Friedrichsthal/ Saar, lebt in Berlin. Er verantwortet das Musikprogramm des Festivals Theaterformen in Niedersachsen. Nach "Hacken – Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart" (2012, Klett-Cotta) folgt 2016 die Arbeit am Roman "Rafi, Franzi und Michi reisen durch die rosa Halde" – zweiter Teil einer Trilogie über die Zeitalter der Industrie und der Kommunikation. Einen Dramaturgie-Container zum Text bietet Brauns Blog textezurpopmusik.wordpress.com.

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