Wäre lieber ineinander gefallen

statt auseinander: „Karl May“ von Enis Maci und Mazlum Nergiz an der Berliner Volksbühne

Nach einer halben oder auch einer Dreiviertelstunde passiert wenigstens ein bisschen was, die Karl May-Funktion steigt auf die Rodeo-Maschine und erzählt. Doch selbst hier, nach größter Langeweile, in der die drei Funktionen, es sind weniger Figuren als Platzhalter von je spezifischer Wirkmacht, nebeneinander stehen und alte Volksbühnen-Traditionen ins Schlappe zitieren – die rollende Roadshow, das Nicht-Spielen, die Liebe zu Truckertum und den einfachen Menschen und den Cowboy-Stiefeln – selbst hier bleibt nichts hängen.

Enis Maci gehört zu den aufmerksamen, das Detail liebenden, und dabei unterhaltsamen Essayistinnen und Dramatikerinnen der deutschen Sprache. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Mazlum Nergiz hat sie für die Prater Studios der Volksbühne ein Stück über den populärsten deutschen Schriftsteller gemacht, der an keinem der fernen Orte der Welt war, über deren Geographie und Menschenbesiedlung er geschrieben hat.

Vielleicht wollte es sich das Duo nicht zu einfach machen, gerade nach der Debatte um May im vergangenen Jahr, in der es überraschend viele Verteidiger und ebenso überraschende Argumente für die Verteidigung (den haben wir immer schon gelesen!) des Erschaffers von Edlen Wilden-Figuren par excellence gegeben hatte. Immerhin: An einigen Stellen zeichnet sich ab, der Text ist womöglich stärker als die Inszenierung, es gibt sie, die scharfen Beobachtungen bei aller Komplexität.

Auf der Bühne nur kommen sie nicht zusammen. Die Spielstile von Ann Göbel (eine Art Karl-May-Funktion), Oscar Olivo (Welt-und-Deutungsfunktion), Martin Wuttke (Chor-Funktion) weisen einander ab und erzeugen Statik; dazu spielt Wuttke derart grenzenlos zu seiner Funktion, dass die beiden anderen blass beiben. Das kann ja auch passieren, gerade an der Volksbühne, wo mit so etwas wie disparaten Schauspielmethoden gerne produktiv umgegangen wird, etwa in den Pollesch-Inszenierungen.

Es scheint jedoch, dass Maci und Nergiz sich nicht bloß mit der Regie überlastet haben. Auch der Text selbst scheint von hinten dem Karl May eine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mit der das Stück unspielbar wird. Maci und Nergiz zerlegen May, betten ihn ein in alle möglichen und unpassenden Kontexte (etwa die Erwähnung, dass der spätere Winnetou-Darsteller Pierre Brice vor den May-Verfilmungen selbst in der französischen Armee im Indochina-Krieg kämpfte). Doch dann finden sie es irgendwie aber auch gut, was er geschrieben hat, in seiner Komplett-Fiktionalität. Das aber müssten sie erst einmal genau benennen können, diese Qualität, vielleicht gäbe es noch einen Dreh. Dann könnte vielleicht das Stück ineinander fallen mit seiner verwinkelten Hauptfigur.

So bin ich froh, als „Karl May“ vorbei ist; dabei leicht getröstet, mal wieder Martin Wuttke auf der Bühne gesehen zu haben.

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