Schnee küsst Sonne samstags

Mitschrift 1 am 20. Januar 2024

Der Platz liegt belebt an diesem Tag, an diesem Samstag, an dem junge, modern gekleidete Menschen im internationalen Stil durch die Stadtmitte pilgern. Sie tragen die Sachen, die es nur für Kids ab der mittleren Mittelklasse neu zu kaufen gibt; im Voo Store in Kreuzberg, im Bikini in Charlottenburg oder in der Alten Schönhauser Straße in Mitte. Die Ärmeren kriegen das Zeug immerhin online und gebraucht bei Grailed, Momox und so weiter.

Sie sind zu sechst oder zu dreizehnt und die Frage zu diesen Grüppchen lautet: was ist los? Die kommen ja nicht für ein Bundesliga-Spiel in die Stadt und Union hätte hätte Fahrradkette in Mainz gespielt, also auswärts, und außerdem morgen, und überhaupt ist das Spiel abgesagt. Die Fashion Week kommt erst noch und auch das CTM-Festival hat noch nicht begonnen.

Aber egal, sie sind jung und üben ihre Gehstile ein und dackeln aufgeregt rum, als gäbe es etwas zu entdecken. Und ist es nicht auch amazing, der Kaffe in meinem Becher ist schwarz und der Schnee auf dem Schendelplatz ganz weiß und jetzt scheint die Sonne drauf und wirft noch weisseres, und hellblaues, und crème-farbenes, und gelbes Licht auf den Platz.

Es ist wieder möglich, überhaupt zu gehen; eine Woche lang lag die Stadt überzogen von einer Eisschicht. Alle Menschen waren eine Woche zuhause, um sich nicht die Beine zu brechen. Jetzt dürfen alle wieder raus, sagen sich „hallo!“ oder brüllen sich herzlich-berlinerisch an, Noch müssen die Leute die Blumen gut einpacken nach dem Einkauf. Noch müssen sie auf den Boden schauen, denn nicht alle Eisschollen verschwinden einfach so nach ein paar Stunden im Plus-Bereich. Was aber los ist: Lichtspiele. Vielleicht hatten es die modern gekleideten Menschen aus ihren internationalen Wettervorhersagen gewusst.

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