für Groove, Juli 2023

VA – Klar!80 – Ein Kassetten-Label aus Düsseldorf 1980 – 1982 (Bureau B)

Ein Original, eine Kopiermaschine: die Kassette war das erste Medium, mittels dessen Musik quasi vom Wohnzimmer aus unter die Leute gebracht werden konnte. So florierten im Ausklang des Punk mit seinem Do-It-Yourself-Ethos die Kassettenlabels. Eines davon stellt Stefan Schneider, früher Kreidler und To Rococo Rot, vor. Klar!80 veröffentlichte 18 Kassetten und eine Vinylbox in der kurzen Zeit zwischen 1980 und 1982. Es gab zudem einen Treffpunkt: ein Ladenlokal in Düsseldorf-Bilk.

Die Stücke in Schneiders Auswahl sind geprägt von Exaltiertheit – affektierte Schreie, schräge Saxofone –, mehr aber noch durch eine rhythmische Komplexität. Europas „Dein Zauber” etwa röchelt über einen dubbigen Herzschlag, „OT” von Eraserhead rührt alles in einer schnell rotierenden, kosmischen Suppe aus Bleeps und Funken.

Mit CHBB sind die späteren Liaisons Dangereuses vorzuhören; Chrislo Haas und Beate Bartel fertigen mit „Mau-Mau” eine Klangcollage aus Stimmfetzen, Tröten und einem perkussiven Beat mit Betonung auf Zwo und Vier. Ähnlich, nur lärmiger gehen Blässe mit ihrem sprachverliebten Titel „Taktlose Klapperschlangen” vor. Eine neue Vorgeschichte der Neuen Deutschen Welle wird hier geschrieben. Erfreulich, dass auch sie nicht erklären kann, was die Punks zu der Zeit vom Saxofon wollten.

Code Industry – Structure (Dark Entries)

Wiederveröffentlichung einer wenig beachteten Gruppe aus Detroit. Rob Myers, E.N. Sevy, Kyl Crys und William Keith gründeten 1989 das Quartett Code Industry. Ihr Sound bespielt die Zeit zwischen EBM und Detroit Techno.

Schon im eröffnenden „Behind The Mirror (Image Mix)” schreit eine überhitzte Stimme über einem endlos nach vorne rotierenden Beat. „Fury” hüpft locker hinterher, und auch hier besticht das afroamerikanische Quartett mit einem Drive aus Sport und Eleganz. „Dead City” verschreibt sich mit einer Collage aus Medien-Fetzen, Stakkato-Parolen über die Zukunft und Polizeisirenen einer Dystopie, wie sie auch von bekannteren europäischen EBM-Namen wie Nitzer Ebb oder Front 242 stammen könnte.

„Crimes Against The People” schlägt im Industrial-Hip-Hop-Beat und bezieht symbolisch Stellung für die Marginalisierten, wo sich der europäische EBM gerne in mehrdeutigen Ästhetiken erging, etwa einer mit faschistischen Insignien spielenden Haar- und Kleiderordnung. Doch auch in der Sache der Musik ziehen Code Industry den Swing der geraden Härte vor. Eine erfreuliche Wiederentdeckung.

Autobot-1000 – 3 Dimensions Of Space (Inherent Futurism)

Jedem Ding wohnt Futurismus inne, scheint der Name dieses neuen, von Morten Kamper in Dänemark ins Leben gerufenen Labels Inherent Futurism rufen zu wollen. Könnte man diskutieren, doch beim Hören dieser Wiederveröffentlichung auch bleiben lassen und den Robot Man, das AI Girl oder den Headspin aufs Parkett bringen.

3 Dimensions Of Space von Autobot-1000 ist nämlich jede Sekunde Electro wert, jedes Fitzelchen Kraftwerk-Bewunderung („Cosmic Techno”), jede Verschiebung dieser Bewunderung auf Afrika Bambaataa („Electro”) oder auf die mystischen Digi-Codes von Drexciya („First Contact”).

Trügen die Titel weniger Erinnerung, Verbeugung und Fantum auf vergangene Zeiten in sich (es flirren außerdem über den Screen: „Access Denied”, „Internet” sowie das wie eine Verulkung anmutende Titestück), läge die Vermutung nahe, es hier mit Produktionen aus 1992 oder 1989 zu tun zu haben. Doch James B. Boggs aus North Carolina, der auch das Label Hoodwink Records betrieb, brachte 3 Dimensions Of Space erst im Jahr 2001 heraus. Es war sein Debüt. So kommt Hoffnung auf: Mögen uns viele weitere Entdeckungen aus seinem Schaffen bevorstehen.

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